Interview mit Rudi Mair

Rudi Mair - Leiter des Lawinenwarndienstes in Tirol
Rudi Mair - Leiter des Lawinenwarndienstes in Tirol

20.01.2010 Kaunertaler Gletscher/Österreich von Robin Kaemmerle.
Fotos: Kaunertaler Gletscherbahn GmbH.


Rudi Mair ist Meteorologe und er leitet den Lawinenwarndienst Tirol. Mit Schnee befasst sich der Schnee- und Eisphysiker seit nunmehr 25 Jahren, unter anderem verbrachte er zwischen 1988 und 1990 eineinhalb Jahre auf der deutschen Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis.

 

 

 

 

 

X-ACES.com (XA): Herr Mair, jedes Jahr verunglücken sehr viele Menschen beim Freeriden, einige kommen bei waghalsigen Aktionen sogar zu Tode. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Rudi Mair (RM): Der Hauptgrund ist eindeutig die fehlende, schlechte und ungenügende Tourenplanung. Die wenigsten Wintersportler planen richtig, bevor sie sich ins alpine Gelände begeben. Das ist ein großer und teilweise lebensgefährlicher Fehler.

XA: Was sind die häufigsten Gründe? Unerfahrenheit? Schlechtes Equipment? Gruppendynamik? Übermut? Lust am Risiko oder der Gefahr nach dem Motto no risk, no fun?

RM: Einerseits Unerfahrenheit. Sehr viele Freerider wissen über den Schnee nur: er ist weiß, er ist kalt, auf ihm kann man Ski fahren oder snowboarden. Ein Risikobewusstsein fehlt bei sehr vielen aber völlig. Andererseits sind aber auch erfahrene Wintersportler, die die Gefahr eigentlich kennen, sehr oft von Unfällen betroffen. Gründe dafür sind meist eine falsche Gruppendynamik oder auch eine gewisse Überheblichkeit. Einige denken, der Expertenstatus schützt einen per se vor Unfallen. Aber auch für Experten gilt die Devise: Experte, pass auf! Die Lawine weiß nicht, dass du Experte bist!

XA: Freeriden, also das Skifahren im freien Gelände, liegt voll im Trend. Damit steigt auch die Gefahr von Lawinenunglücken am Berg. Was kann, oder besser, was muss ein Freerider also können und was muss er beachten, bevor er sich ins Backcountry begibt?

RM: Ein Freerider muss die Grundlagen der Schnee- und Lawinenkunde aus dem FF beherrschen. Besonders wichtig ist die gewissenhafte und umfangreiche Tourenplanung. Voraussetzung für den perfekten Freeride Tag ist die realistische Einschätzung der Lawinengefahr, der Geländebeschaffenheit und der Leistungsfähigkeit der Gruppe. Wer alleine im Backcountry unterwegs ist, sollte sich stets darüber im Klaren sein, dass er bei einer Lawinenverschüttung nicht sofort Hilfe erfährt. Das Risiko alleine zu gehen ist daher groß und daher empfehle ich das keinem.

XA: Sie sind Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes und somit ein Experte auf dem Gebiet. Was halten sie von dem neuen Freeride-Infosystem Check your line am Kaunertaler Gletscher?

RM: Das "Check Your Line" Tafelsystem ist eine tolle Einrichtung: hier können sich Freerider wichtige Informationen einholen wie die Telefonnummer des Lawinenwarndienstes, ein Panoramabild des Abfahrtsbereiches oder Kartenmaterial. Und auch ganz wichtig, der Freerider bekommt eine Checkliste basierend auf Fragen an die Hand, die sich jeder Fahrer vor während und nach der Abfahrt stellen sollte. Beispielsweise: passt die gewählte Abfahrtvariante zu meiner Gruppe? Passt die Hangneigung zur aktuellen Lawinenwarnstufe oder bin ich ausreichend ausgerüstet?

XA: Was kann eine Initiative wie "Check Your Line" in diesem Kontext leisten?

RM: "Check Your Line" schafft Bewusstsein und regt zum Nachdenken an. Denn Lawinengefahr ist Lebensgefahr. Ich sage immer, lieber vor dem Run fünf Minuten nachdenken, als hinterher ein leben lang tot sein.

XA: Wie unterscheidet sich der Kaunertaler Gletscher mit seinem Infosystem gegenüber anderen Skigebieten. Was ist das Besondere?

RM: "Check Your Line" fördert und fordert die Selbstverantwortung der Freerider und arbeitet nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Es ist in dieser Form daher einmalig. Hier haben sich absolute Profis Gedanken über die Sicherheit von Freeridern gemacht und immer auch die Zielgruppe Freerider selbst in den Entstehungsprozess mit einbezogen. Sowohl risk’n’fun, das Ausbildungsprogramm der österreichischen Alpenvereinsjugend als auch die Kaunertaler Gletscherbahnen haben da gemeinsam hervorragende Pionier Arbeit geleistet. "Check Your Line" hat definitiv Vorbildcharakter für andere Skigebiete, die oft noch mit absolut sinnlosen Verboten arbeiten.

XA: Ganz konkret, welchen Vorteil bringt das Präventivsystem gegenüber Freeride-Verboten?

RM: Verbote sind Nonsense. Freeridern kann man ohnehin nichts verbieten: Also ist der "Check Your Line" Ansatz der einzig Richtige, nämlich gezielt aufklären und informieren, als diese Zielgruppe mit ohnehin wirkungslosen Verboten sich selbst zu überlassen!

XA: Sind Verbote überhaupt noch zeitgemäß?

RM: Verbote waren nie zeitgemäß, jede Jugend hat sich über unsinnige bzw. einengende Verbote hinweggesetzt. Verbote sind sogar kontraproduktiv und machen das Abenteuer Freeriden noch viel attraktiver. Daher: Information statt Verbot!

XA: Das System muss sicher jedes Jahr „optimiert“ werden. Was sind Dinge, die in der nächsten Zeit noch dazu kommen werden? Reicht es aus, vier Schilder aufzustellen oder sollte es weitere Maßnahmen geben?

RM: Es sollte sicher noch weitere Maßnahmen geben: Freerider sind meist jung und technisch aufgeschlossen, hier würden sich auch Initiativen über moderne Handys wie pda’s oder iphones anbieten. Der Lawinenwarndienst Tirol bietet z.b. für Handys maßgeschneiderte Lawineninformation unter www.tirol-mobile.at/lawine an.

XA: Herr Mair, vielen Dank für das Gespräch.

Weiteres zu "Check Your Line" gibt es hier.

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